Du bist keineswegs ein Heiliger, den ich verehre, ich habe es dir schon tausend Mal gesagt, dass du mich schon oft genug genervt hast, weil du ein furchtbarer Angeber und ein Lästermaul bist. Zacarías hat mir gesagt, wenn mir der Fussball gefallen würde, dann wäre das anders. Auf dem Platz gebe es für Dich keine Bezeichnung, Du seiest von einer anderen Welt, hast in deinen besten Zeiten die Gesetze der Physik außer Kraft gesetzt und so weiter und so fort. Aber damit kann man mich nicht überzeugen. Ich bin eine Dame und verstehe nichts von Bällen und kurzen Hosen - das möchte ich auch gar nicht.
Andere Dinge verstehe ich sehr wohl. Und deswegen bete ich auch jeden Abend. Das hat aber nicht direkt etwas mit Dir zu tun. Weißt du, warum ich bete. Nun, es gab Augenblicke in unserem Leben, in denen wir nichts hatten. Es gab nichts auf dem Tisch, aber du hast meiner Familie Freude gebracht.
Alfonsín sorgte gerade für das allergrößte Chaos im Land, da fiel uns wie ein Geschenk des Himmels die Weltmeisterschaft in den Schoß. Du hast den Titel praktisch im Alleingang geholt. Für mich war es ein furchtbarer Winter, denn es gab damals immer nur Mangoldkrapfen zu essen, morgens wie abends. Wenn ich heute jedoch Nacho oder Zacarías frage, an was sie sich aus diesem Winter erinnern, so nennen sie Dich, fangen an, von dir zu erzählen, lachen. Mehr fällt ihnen dazu nicht ein; sie wissen überhaupt nicht mehr, dass sie damals Hunger gelitten haben.
Draußen vor dem Tor der Klinik, wo man Dich künstlich beatmet, ist alles voller ausländischer Journalisten, die Fotos von Menschen machen, die Kerzen anzünden und dort in aller Frühe den Rosenkranz für dich beten. Manchmal ist es mir ein bisschen peinlich, dass der Rest der Welt denkt, dass wir so simpel, so starrköpfig sind. Dann bekomme ich Lust, der Welt zu erklären, dass niemand um diesen Angeber, dieses Großmaul betet. Ich würde allen gerne erklären, in was für einem Land wir leben, wie wenig Schönes es für uns in den letzten zwanzig Jahren gab und dass diese wenigen Augenblicke der Freunde immer mit deinem Namen verbunden waren.
Wie schwer es uns allen fällt, uns über irgendetwas zu einigen. Wie schwer es uns fällt, zu lachen oder gemeinsam über etwas zu weinen oder um etwas zu kämpfen. Wie schwer es uns fällt, "Argentina, Argentina" zu singen und gleichzeitig zu spüren, wie unsere Brust anschwillt. Sich gemeinsam wegen einer Sache anzustrengen, die Besten sein zu wollen und dann vor Wut platzen zu wollen. Als sich damals die Sache mit der verbotenen Substanz Ephedrin ereignete, bin ich auf die Straße gegangen und —ich schwöre es dir beim Leben meiner drei Kinder!— habe zum ersten Mal in meinem Leben gesehen, wie alle Welt geweint hat. Die Leute gingen schweigend durch die Straßen, schlurften mit den Beinen, ihre Nasen trieften. Das ganze Land war schlaff und stumm. Was sind wir doch für ein seltsames Volk, dachte ich für mich, fühlte mich aber stolz über dieses Blut, das auch in mir floss. So weinte auch ich und wusste eigentlich gar nicht so genau warum.
Sogar Caio, der noch nie gesehen hat, wie du den WM-Pokal in die Höhe gehalten hast, besitzt ein Poster von dir in seinem Zimmer und spricht von dir, als ob er Dich je hätte spielen sehen. Selbst Nonno hat dir verziehen, dass du damals alle Italiener zum Teufel geschickt hast. Und auch Nacho, der eigentlich den Fussball hasst, weiß, dass du viel mehr als das bist und verteidigt dich ... Warum soll ich also nicht dafür beten, dass es Dir besser geht?
In vielen Jahren werden die Kinder der Kinder von Sofi in einem Land leben, das viel besser als das jetzige ist. Davon bin ich überzeugt. Niemand wird sich dann mehr daran erinnern, dass Du ein Angeber und ein Lästermaul warst. In den Lesebüchern wird über Dich nur noch das stehen, das wichtig ist, dass hier ein kleiner Bursche geboren wurde, der besser als andere Ball spielen konnte und der in der Lage war, einem traurigen Volk Mut zu geben, es vor Freude tanzen zu lassen, ihm auch in den schwärzesten Stunden Glück zu bringen. Damit so einer nicht stirbt, dafür bete ich.
Auch dafür, dass Du bald wieder gesund wirst, dass Du Dich von allen Anstrengungen, die es bedeutet, einzigartig zu sein, wieder erholst, dass Dir noch Zeit bleibt, ein normaler Mensch zu sein, dass Du Deine Enkelkinder noch sehen und in die Arme nehmen kannst, dass Du ihnen noch erzählen kannst, wer Du gewesen bist. Es muss sehr schön sein, alt zu werden, einem Enkelchen in die Augen zu blicken und ihm mit offenem Herzen sagen zu können: "Weißt Du, wer ich bin? Ich war Diego Maradona". Es wäre doch schön, das noch erleben zu können.